Reaktorblogs Spielenotizen zu Watch Dogs: Der langweilige Typ in der Mitte des Bildschirms.

Normalerweise sind die planaren Exploratoren ja immer ein bisschen froh, wenn wir ein Spiel endlich mal durch haben. Fertig. Abwischen. Nächster Titel, bitte. Nicht so bei Watch Dogs. Die Hauptstory haben wir schon längst hinter uns und auch alle Ermittlungen, Fixer-Rennen, Konvois und Bandenverstecke sind absolviert, infiltriert und massakriert. Und doch könnten wir sofort weiterspielen mit WatchDogs 2. Diese überaus seltene Begeisterung für Ubisofts neue Blockbuster-Marke entsteht aus einem krassen Gegensatz…


Das Watch Dogs Dilemma.

Man kann es schnell in zwei Sätze fassen:

  • Story, Charaktere und Spielwelt sind grausamer Scheiß.
  • Das Watch Dogs Gameplay ist grandios.

Also blendet man den Mist zu 100% aus, konzentriert sich auf intensive Shoot-Outs, rasante Verfolgungsjagden und Gebäude- und Hacking-Rätsel. Und man wartet auf  Teil 2. Es muss besser werden. Es muss einfach. Das schöne daran ist, dass wir von Ubisoft zügige Fortsetzungen ja mehr als gewohnt sind.

Charaktere, Story, Spielwelt. Oder das, was in diesem Spiel dafür durchgeht.

Aiden ist der langweiligste Hauptcharakter (Held würde hier jetzt wirklich nicht passen…), den die Videospielbranche seit langem hervorgebracht hat. Ehrlich gesagt, haben wir ihn nur gespielt, weil es keine Alternative gibt. Er ist der Typ, der während des Spiels immer in der Mitte des Bildschirms herumsteht und gesetzt-modische Ledermäntel trägt. Man kann nichts gegen ihn machen; man muss etwas mit ihm machen. Spielen, leider. Selbst Pacman hatte mehr Charakter (Er war gelb!) als dieser Mensch.

Das liegt auf der einen Seite daran, dass Aiden ein Perfektionist ohne Ecken und Kanten ist, der irgendwie einfach alles kann: Klettern, Rennen, Schießen, Hacken, die Zeit anhalten. Wozu nutzt er diese Talente? Eigentlich für nichts: Er ist ein Dieb und mutiert während des Spieles zusätzlich noch zu einem fiesen, emotionslosen Killer. Sorry, aber mit diesem Typ können wir nichts anfangen…. Was auch daran liegt, dass Aidens Motive absolut dünn und ausgelutscht sind. Rache, klar. Hat man schon 10.000 mal gesehen und jedesmal besser als bei Watch Dogs. Das reicht dann aus, um Aiden zu einem Soziopathen wie aus dem Psychologie-Lehrbuch zu machen: Er klaut jeden Dollar, den er kriegen kann, auch wenn das Geld von einem HIV-positiven Straßenkünstler ohne Schuhe, Deo und Sozialversicherung stammt. Er knallt ab, was ihm vor die Pistole kommt. Hauptsache Rache.

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Wesentlich cooler als der blasse Aiden ist der leicht verrückte Auftragskiller Jordi Chin. Die Exploratoren hoffen inständig auf einen Jordi Chin DLC. Das wär ein Schritt nach vorne…

Okay, man muss ja niemanden zwangsweise killen. Und man kann sich natürlich frei auswählen, wen man beklaut. Die Welt ist ja voller Opfer. Leider sind die Strafen und Belohnungen, die einem Watch Dogs für moralisches Verhalten anbietet, komplett verkorkst. Das Beklauen von armen Schluckern ist straffrei. Der Beschuss eines Krankenwagens mit Granaten lässt sich durch ein paar Taschendiebe, die man medienwirksam auf dem Hinterhof des Supermarktes verprügelt, schnell wieder glatt bügeln. Ob man Wachen betäubt oder abknallt, ist absolut egal. Das ganze spielinterne Gejammer über die totale Überwachung von Chicago durch das ctOS ist ebenfalls ziemlicher Blödsinn: Wenn man direkt im Blickwinkel einer Kamera eine Wache ausschaltet, kriegt das nämlich niemand mit. Nur die Kollegen, die direkt neben dem Opfer stehen, können Alarm schlagen. Offensichtlich gibt es zwar 25.000 Kameras in Chicago, aber niemanden, der auf die Monitore schaut. Diese moralischen und logischen Unstimmigkeiten führen schnell dazu, das einem Handlung und Spielwelt schon bald schnurzegal sind. Die Spielziele reduzieren sich ganz automatisch auf das Freischalten von Skills, Waffen und Autos .

Und der Rest? Ist die inoffizielle Fortsetzung der Matrix-Trilogie. Schick und reichlich unterkühlt.

Das Watch Dogs dann doch viel Spaß macht, liegt an den absolut genialen Gameplay-Mechanismen. Die Schusswechsel sind flüssig und elegant. Die Autojagden sind schnell, easy und herrlich chaotisch. Die Gebäude-Infiltrationen via Kamera und Klettern sind absolut großartige (räumliche) Rätsel. Das Spiel hat uns immer wieder an die Matrix-Filme erinnert: Die Slow-Motion Bilder, die entstehen, wenn Aiden (der Typ in der Mitte) die Zeit anhält. Seine Kletter- und Nahkampf-Einlagen. Das Hacker-Gelaber. Und natürlich die Gefühlskälte, die man gegenüber der Spielwelt Chicago entwickelt. Diese Stadt ist die Matrix und wir sind der einzige echte Bewohner – der Rest sind tumbe Schafe.

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Wenn es knallt und raucht, sieht das Spiel nicht nur am besten aus, sondern macht auch den meisten Spaß. Jagen Sie ein paar Autos mit Smartphone-Minen in die Luft und genießen Sie das Watch Dogs Gameplay.

Ubisoft, jetzt bitte zuhören: Was wir uns wünschen, ist ein schlüssiges Moralsystem, das uns wie in Mass Effect* oder Deus Ex Human Revolution* die Konsequenzen unseres Verhaltens vor Augen führt. Oder aber eine wilde, wüste und freie Welt, in der es nicht nur scheißegal ist, wie man sich benimmt, sondern in der es auch noch einen Höllenspaß macht, Chaos zu verbreiten. Keine Panik, Ubisoft, das ist gar nicht mal schwer. Schaut Euch nochmal Euer großartiges Assassin’s Creed 4 Black Flag an. Bitte, bitte. Und dann ganz schnell Watch Dogs 2 coden.

Das Watch Dogs Gameplay ist also supi… Aber lohnt sich dafür das Spiel?

Wie gewohnt von den planaren Exploratoren gibt es an dieser Stelle die selektive Kaufempfehlung: Also, wenn Sie gerne mal einen schön fetten AAA-Action-Blockbuster-Titel spielen, dürfen Sie zugreifen. Allein die Menge an Missionen, die man für’s Geld bekommt, ist erstaunlich. Auch wenn viele der Minigames ziemlicher Schwachsinn sind: Trinkspiele, Hütchenspiele, Poker, Münzen sammeln, gähn, gähn, gähn…  Diese Kritik bezieht sich wohlgemerkt nur auf die Minigames. Die Nebenmissionen sind nämlich sehr ordentlich gemacht. Wenn Sie eine PS4 oder XBOX One Next-Gen Konsole oder einen ordentlichen PC haben, sollten Sie ebenfalls zuschlagen, denn WD nutzt Hardware ordentlich aus und bietet einiges für’s Auge. Wenn Sie andere Open World Spiele mögen (Assassin’s Creed*, GTA*, etc…), liegen Sie auch bei Watch Dogs richtig*.  Ebenfalls zugreifen dürfen Trophäen-Jäger, denn das Spiel geht recht großzügig bei der Vergabe von Achievements, Trophäen und Erfolgen vor. Allein zwei Gold Trophäen spielt man sich ohne Stress durch das Abspielen der Hauptstory frei.

Wenn Sie sich gerne von einer Story mitnehmen lassen, sollten Sie einen weiten Bogen um Watch Dogs machen. Das gleiche gilt, wenn Sie Wert auf glaubhafte Hintergrundwelten legen. Und wenn Sie gerne mal was humoriges spielen, gilt es auch. Denn Watch Dogs ist in etwa so komisch wie eine Flasche stilles Wasser. Beinharten Rollenspielern raten wir ebenfalls ab, denn sie werden ihre Strategien, aufwendige Skill-Trees und Statistiken vermissen. Für PvP-Freaks gibt es bis auf den obligatorische Online-Modus ebenfalls nicht viel zu entdecken. Das Multiplayer-Spiel ist in bester Ubisoft-Tradition reichlich obskur: Man lauert in der Hecke auf Opfer, um Sie mit dem Handy zu profilieren. Das taugt für eine nette Abwechslung zwischendurch, mehr aber auch nicht.

*werbliche & kommerzielle Links sind mit einem Stern gekennzeichnet.


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