Reaktorblocks Spielenotizen zu Bioshock Infinite: Massenmord im Architektur Seminar.

Die Bioshock Spiele sind die inoffiziellen Erben der legendären System Shock Serie aus den 90ern. Die planaren Exploratoren sind natürlich allesamt große System-Shock-Fans, ohne Frage. Bisher hatten wir um die Bio-Dinger einen Bogen gemacht, um uns die selige Erinnerung an das schöne alte System Shock nicht zu versauen. Warum haben wir nun doch Bioshock Infinite gespielt? Weil es als Dreingabe bei einer Grafikkarte mit dabei war. Und weil wir irgendwie ja doch neugierig waren. Die Frage lautet also:

Ist Bioshock genau so cool wie System Shock?


Um es ganz klar zu sagen: System Shock 1+2 waren wegweisende Spiele. Während sich Horden von stumpfsinnigen Ballerblödies durch Schießbuden-Simulationen à la Wolfenstein und Doom ballerten, genossen die wenigen hoch-elitären Rollenspieler den sanften Schauer des klaustrophoben Ego-Action-Rollenspiels aus der Feder von Warren Spector. Warren Spector. Meine Güte, allein schon der Name dieses Game-Designers klingt cool. Die Bioshock Spiele können es also prinzipiell nicht schaffen, daran anzuknüpfen oder gar dagegen anzustinken. Immerhin kann man schon mal eine positive Sache  über Bioshock Infinite (BSI) sagen: Das Spiel versucht es trotzdem. Ganz schön mutig…

ACHTUNG, AB HIER KOMMEN DIE BÖSEN SPOILER.

Fangen wie mit den guten Facetten an. Es gibt vor allem eine Sache, die BSI richtig macht: Grafik. Das Spiel sieht hinreißend aus. Damit meinen wir nicht die technisch ordentliche Leistung der Unreal-Grafik-Engine. Polygon-Fetischisten sind in Crysis immer noch am besten aufgehoben. Wir meinen das Design der Spielwelt. Man betritt die extrem schicke Stadt Columbia, die in einem 1910er-Parallel-Universum voller Zeppeline, Elektro-Spulen und Art-Deko-Architektur existiert. Die Stilrichtungen Steam-Punk und Gaslight Sience-Fiction (Jules Verne!) werden nur als Fundamente benutzt. Bioshock pumpt diese Themen auf und erweitert Sie mit einer fetten Dosis spekulativer Quantenphysik. Hört sich wirr an? Ist es leider auch. Hier zeigt sich schnell, dass der hohe Anspruch von Bioshock zwar lobenswert ist – aber nicht erfüllt wird. Ständig werden (irgendwie) neue Tore in neue Welten geöffnet. Es wird munter hin und her gehopst zwischen den Zeitlinien. Und alles was eben noch tot war, kann ein paar Minuten später durch einen Rückwärts-Salto in die nächste Parallel-Welt schon wieder leben. Wenn auch mit Nasenbluten. Das ist kein Kokain-Witz: Das Erkennungszeichen eines Realitäts-Sprunges in Bioshock Infinite ist Nasenbluten. Okay? Okay.

Das Spiel versetzt uns analog zu den großen Film-Klassikern wie 'Alice in Wonderland' oder 'The Wizard of Oz' in eine wundersame und unheimlich-skurrile Welt voller Schönheit und Irrsinn.

Das Spiel versetzt uns analog zu den großen Film-Klassikern wie ‚Alice in Wonderland‘ oder ‚The Wizard of Oz‘ in eine wundersame und unheimlich-skurrile Welt voller Schönheit und Irrsinn. Immer wieder ändert sich das Design und eröffnet neue ungewöhnlichen Blickwinkel und Bilder.

Das ganze wäre in seiner absoluten Skurrilität durchaus interessant, wenn sich das Spiel nicht so bierernst nehmen würde. Aber leider hat Bioshock neben dem künstlerischen Anspruch auch einen moralischen: Gewalt ist schlecht. Sie liegt in der Natur des Menschen, kommt früher oder später zum Ausbruch und lässt sich schon gar nicht durch dimensionales hin-und-her-Hopsen unterdrücken. So richtig klar wird das natürlich erst am Ende. Bis dahin ballert man sich ziemlich geschmacklos und explizit durch Horden von Mitläufern, Erfüllungsgehilfen und Unterbossen. Das Spiel ist ja schließlich ein Shooter. Wenn man zart besaitet ist und dabei (irgendwie) ein schlechtes Gewissen bekommt, hat man alles richtig gemacht. Das merkt man aber – wie gesagt – erst gegen Ende und darf sich dann zur Belohnung auch mal richtig schlecht fühlen. Danke.

Damit man sich richtig verantwortlich und engagiert fühlt, bekommt man einen weiblichen Sidekick: die jugendliche Elizabeth. Das Girlie ist zwar Dreh- und Angelpunkt der Geschichte, verkommt aber schnell zur Munitions-Beschafferin (macht sie gut) und zur Stichwortgeberin an Story-Wendepunkten (macht sie nicht so gut). Besonders widersinnig ist, dass sie  die Massen von Leichen, die wir produzieren, vollkommen kalt lassen. Zu Beginn gibt es eine kurze Szene, in der sich ein paar moralische Zweifel in ihr regen. Man könnte auch sagen: sie ziert sich, uns beim Abschlachten gebührend zu assistieren. Diese unproduktiven Skrupel sind dann aber schnell überwunden und es geht wieder ans egoshooten: peng, paff, baller, wutsch, splatter. Egal.

Naja, eigentlich nicht egal. Denn was Irrational Games da von uns will, ist eigentlich eine kleine Frechheit: wir sollen uns schlecht fühlen – aber Elizabeth darf munter durchs Blut hoppeln. So ist das mit dem ganzen Spiel. Alles toll angedacht, aber nicht zu Ende gebracht. Zu viel von allem, aber zu wenig Liebe zum Detail. Die Geschichte ist löchrig und sprunghaft und lässt uns konsequenterweise auch ziemlich kalt. Und damit wäre dann die Frage auch geklärt: Bioshock Infinite hat nichts mit System Shock gemeinsam, außer vielleicht ein paar erzählerischen Formalismen, wie zum Beispiel den Tonband-Aufzeichnungen. Ende der Kulturkritik.

ACHTUNG, HIER SIND DIE SPOILER ZU ENDE. PUH.

Bioshoshock Infinite: Wer soll das spielen?

BSI ist auf jeden Fall ein Muss für Kunst- und Architektur-Studenten. Nehmen Sie sich eine Schrotflinte, ballern Sie ein paar Köpfe von den Schultern und bewundern Sie die Blutflecken an den hübsch tapezierten Wänden. Okay, lassen wir mal den Zynismus aus dem Spiel… auch wenn es sich bisher in diesem Test so anhörte, BSI ist kein schlechtes Spiel. Es ist nur eben nicht so gut, wie es selber gerne wäre. Aber wenn Sie auf gepflegte PvE Shooter in einer abwechslungsreichen Spielwelt stehen, wird Ihnen das Spiel bestimmt Spaß machen. Im Fahrwasser der großen PvP-Gewaltorgien mit auswechselbarem Militär-Hintergrund (Call of Duty, Battlefield, Sie wissen schon) ist die lockere Ballerei zum Entspannen selten geworden. Das Spiel ist, nebenbei bemerkt, angenehm leicht und taugt deshalb durchaus zum kurzen Eintauchen in eine fremdartig Welt, ohne großen Druck und Stress. Und Infinite schafft es, zwischen den Action-Abschnitten eine halbwegs interessante Geschichte zu erzählen. Man sollte bloß nicht erwarten, von ihr mitgerissen zu werden.

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Und Zack – ab geht es in ein alternatives New York des Jahres 1984. Für ein wichtiges intellektuelles Zitat machen wir doch gerne mal einen Zeitsprung.

Bioshoshock Infinite: Wer lässt lieber die Finger davon?

Wenn Sie ein Rollenspiel wollen, lassen Sie Infinite besser links liegen. Es bietet ein paar alternative Psycho-Angriffe: Gegner bezaubern, Feuerbälle werfen, so ein Zeug. Das war es dann auch schon. Es gibt kein Statistik-System, kein echtes Loot und keine Stufen-Progression. Die Ausgestaltung des Charakters ist extrem eingeschränkt. Borderlands oder Defiance bieten hier mehr. Wenn Sie eine klaustrophobe Story wie in System Shock 1+2 erleben möchten, wird Infinite Sie enttäuschen. Die Geschichte zerfasert bereits ab der Mitte des Spieles. Sie bleibt zwar interessant, aber distanziert. Probieren Sie lieber Dead Space. Und wenn Sie so richtig tief in eine Spiel-Geschichte eintauchen wollen, greifen Sie besser zu The Walking Dead oder Mass Effect. Gamer, die einen schnellen, fordernden Shooter suchen, werden ebenfalls enttäuscht sein. Das Tempo des Spiels ist dafür einfach zu gemächlich. Und die – wir sagen es mal ganz freundlich – unterdurchschnittliche KI der Gegner kann auch kaum begeistern.

Bioshock Infinite gibt sich viel Mühe damit, den Spieler in die Geschichte zu ziehen. Leider schlägt es sich dabei mit seinen eigenen Waffen: plötzliche Wendungen, Sprünge und nebulöse Gedankenkonstrukte.

Bioshock Infinite gibt sich viel Mühe damit, den Spieler in die Geschichte zu ziehen. Leider schlägt es sich dabei mit seinen eigenen Waffen: plötzliche Wendungen, Sprünge und nebulöse Gedankenkonstrukte.

7 wirklich nett gemeinte Bioshock Infinite Anfänger Tipps:

Wie immer lassen die planaren Exploratoren ihre Leser an ihren Reise-Erfahrungen teil haben. Wir haben das Spiel durchgespielt, ehrlich. Profitieren Sie also von unseren Bioshock Infinite Anfänger Tipps:

  1. Das Spiel ist relativ einfach. Die Stufe ’normal‘ sollte für auch für blutige Anfänger soft genug sein. Sollte es trotzdem mal zu schwer werden, können Sie mitten im Spiel den Schwierigkeitsgrad problemlos rauf und runter schrauben. Sie können sich außerdem durch BIS prima ‚durchsterben‘. Das heißt: wenn Sie sterben, werden Sie sofort ein paar Meter weiter wieder belebt. Tote Feinde bleiben tot und Sie verlieren nur ein bisschen Geld. Also, Sterben macht zwar keinen Spaß, ist aber auch nicht wirklich endgültig. Passt irgendwie zu diesem Spiel.
  2. Sammeln Sie (wie in jedem Spiel und auch im Leben) alles Geld ein. Und versuchen Sie, so viele Dietriche wie möglich zu finden. Munition und Salze sind dank Elizabeth meistens ausreichend vorhanden.
  3. Sie müssen keinesfalls alle Waffen in Infinite bis zum Ende entwickeln. An den Automaten investieren Sie in den kompletten Ausbau von drei bis vier unterschiedlichen Waffen, die sich halbwegs sinnvoll ergänzen. Eine Bereichswaffe, eine Waffe für kurze Distanz und eine mit Reichweite. Wir empfehlen, dass Scharfschützengewehr komplett auszubauen, weil es in den weitläufigen Außengebieten teilweise überlebenswichtig ist und einen ziemlichen Schaden anrichtet. Wenn Ihnen die Munition für das Ding ausgeht, können Sie aushilfsweise auch zum Karabiner greifen. Die sonstige Waffenauswahl ist Geschmackssache.
  4. Nutzen Sie konsequent den Richtungspfeil, der jeden blinden Noob durch die Level führt. Auf dem PC rufen Sie die Funktion mit der N Taste auf. Bei Xbox und PS3 liegt der Pfeil auf der oberen Taste des Steuerkreuzes.
  5. Bei den Kräften verhält es sich ähnlich wie bei den Waffen: Es ist ratsam einige wenige Kräfte so weit wie möglich auszubauen, anstatt in viele Fähigkeiten gleichzeitig zu investieren. Welche Kräfte man sich aussucht, ist persönliche Geschmackssache. Beherrschung, Shock Jockey und Teufelkuss haben uns gute Dienste geleistet. Beachten Sie aber, dass die Angriffe mit Kräften die Gegner in den seltensten Fällen komplett beseitigen werden. Sie stiften aber Verwirrung, lähmen die Gegner und verschaffen dem Spieler so mehr Zeit und Ruhe für den entspannten Einsatz seiner Schusswaffen.
  6. Extra Bioshock Infinite Anfänger Tipp: die Kräfte (Vigors) in Infinite wechselt man auf den Konsolen mit der linken Schultertaste. Das ist immer die selbe Taste, mit der man auch zwischen den beiden ausgerüsteten Kräften hin und her springt. Allerdings muss man sie länger gedrückt halten, um das Auswahlmenü auf den Screen zu bekommen. Irgendwie wurde im Tutorial versäumt, dass zu erklären. Auf dem PC kann man das Kräfte-Menü mit Q aufrufen.
  7. Bioshock Infinite unterstützt auf dem PC auch das XBOX-Joypad. Die Bedienung funktioniert unserer Meinung nach sehr gut damit. Probieren Sie es mal aus!


2 Kommentare

  1. Also diese hoffentlich werden deine Rezensionen niemals NIEMALS von Leuten gelesen die eines der rezensierten Spiele spielen wollen. Absolut keine objektivität etc. Zwar nett geschrieben aber hey: spiel verdammt nochmal keinen Shooter wenn du nachts schlecht schläfst, vom Anblick virtueller Leichen. Schuster bleib bei deinen Leisten

    • Hi Krush,

      vielen Dank für den Kommentar :-) (Keine Ironie, ich freu mich über jede Kritik!)
      Zur Verteidigung: Ich nenn die Texte absichtlich ‚Spielenotizen‘, weil es eben keine Spielekritik (Wertungskasten, Sternchen, Prozente,…gähn) sein soll. Das ist eher eine Stammtisch-Meinung, die man so nach 2-3 Bier raus haut…
      Und ich bin eben gerne mal etwas direkt, damit es Spaß macht, den Text zu lesen. So gesehen, hat der Text ja funktioniert, wenn ich Dich etwas provozieren konnte ;-)

      Ich rege mich auch nicht über die Gewalt in dem Spiel auf, sondern darüber, wie Elizabeth auf die Gewalt reagiert. Nämlich gar nicht.
      Aber egal, sit nur meine Meinung. DAS habe ich gefühlt, als ich BSI gespielt habe.
      Wie fandest Du das Spiel?
      Was hat Dir dran gefallen?
      Würde mich echt interessieren…
      :-)
      so long//reaktorblock

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