Reaktorblocks Spielenotizen zu Defiance: Das Erbe von Tabula Rasa. Oder von Borderlands.

Richard Garriot’s Tabula Rasa ist so etwas wie der heiliger Gral der planaren Exploratoren. Leser, die diesen Blog länger verfolgen, wissen das. Leute, die mit uns zusammen spielen, wissen das erst recht, weil wir sie stundenlang dazu volltexten, wie cool dieses kurzlebige Spiel doch war. Und wie unglaublich schrecklich, unfair und herzlos die fiesen Kerle von NC-Soft doch sind, weil Sie Tabula Rasa einfach vom Netz genommen haben…

Nun, nach langer, langer Zeit ist endlich wieder ein Spiel auf dem MMO Markt erhältlich, dass in etwa das damalige Spielgefühl wieder zurück bringt: Defiance von Trion Worlds. Klar, dass die Exploratoren das spielen müssen. Und auch klar, das wir eine Kritik zu Defiance schreiben müssen…


Der Defiance Test: Ist es ein gutes MMO?

Das Wichtigste zuerst: die größte Gemeinsamkeit zwischen Tabula Rasa und Defiance ist, dass sie beide nicht perfekt sind. Im Gegensatz zu aktuellen MMOs wie Guildwars 2 oder Neverwinter wirkt Defiance geradezu spartanisch und konnte auch nur mittelmäßige Wertungen einfahren. Der wirtschaftliche Erfolg des Spieles war dann folgerichtig begrenzt. Schon früh nach dem Launch wurde das Team, das an dem Projekt arbeitete, zusammen gestrichen, um Kosten zu sparen. Zu Recht? Das lässt sich schwer sagen.

 

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Grumpfige Aliens im Star Trek Stil gibt es einige in Defiance. Leider kann man nur aus drei (ziemlich langweiligen) Rassen auswählen. Naja, irgendwas muss sich Trion für die kommenden DLCs aufheben.

Tatsache ist, dass dem Spiel jede Menge Features fehlen, die man bei einem MMO erwarten würde. Statt mehrerer Klassen hat man nur die Wahl zwischen einer von vier Spezialkräften. Die Auswahl der spielbaren Rassen ist noch enger: drei. Diese Mängelliste lässt sich ziemlich lang fortschreiben: kein Auktionshaus, ein absolut minimalistisches Crafting, praktisch kein erwähnenswerter Endgame- oder Raid-Inhalt. Wieso schmeißt Trion so ein unfertiges MMO auf den Markt?

Wir denken: weil Defiance eigentlich nie ein MMO sein sollte. Sondern ein Shooter im Stil von Borderlands (1+2) mit einer offenen Multiplayer-Welt. Ein Massive-Koop-Shooter. Eben wie das gute alte Tabula Rasa.

Aber halt mal, werden die Borderlands-Fans jetzt sagen. Das wäre ja genau das, was man sich am sehnlichsten wünschen würde, nachdem man Gearboxs Meisterwerk zum hundertdrölfsten Mal durchgeballert hat, um den Badass Rang bis zum Mars zu steigern. Und ja sagen wir, die Exploratoren: genau das ist es! Defiance hat so ziemlich alles, was man an Borderlands mochte oder mag: zufällig generierte Waffen, eine komplexes Skill/Perk-System, coole Fahrzeuge und am Wichtigsten:  ein schnelles, abwechslungsreiches Shooter-Gameplay mit einer vernünftigen Gegner-KI. Und ganz nebenbei hat Defiance noch eine ziemlich hübsche Grafik-Engine mit Effekten und ohne Zonen-Nachladen. Das ganze Spiel inklusive Haupt-Queste, Nebenmissionen, PvP, Autorennen und Herausforderungen findet praktisch auf einer Karte statt und ist damit ziemlich open-world-mässig. Einzige Ausnahmen sind die Dungeons/Instanzen. Was muss noch erwähnt werden? Die Haupt-Queste ist Ok, wenn auch ziemlich humorlos, und wird in zahlreichen In-Game-Videos erzählt. Wesentlich cooler: das Event-System, bei dem sich Spieler-Mobs mit Alien-Mobs hitzige Schlachten liefern. Da kommt dann tatsächlich das gute alte Tabula-Rasa-Feeling wieder auf. Die Dungeons/Instanzen sind für vier Spieler und etwa 45 Minuten Spielzeit ausgelegt und bieten eine etwas härtere Herausforderung als die normalen Story-Missionen. Was das PvP angeht, das bei einem Shooter heutzutage auf keinen Fall fehlen darf, schlägt sich Defiance ganz gut (Punktverteidigung-Events mitten in der offenen Welt) ist aber natürlich kein ernsthafter Konkurrent zu Battlefield oder Planetside 2. Defiance ist eben ’nur‘ ein Koop-Shooter. Aber, und das ist vielleicht das wichtigste Ergebnis unseres Defiance Tests: es ist der beste Koop-Shooter, den man zur Zeit spielen kann.

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Die Gegen-die-Zeit-Rennen in der offenen Welt sind eines der Highlights des Spieles. Die Steuerung der Fahrzeuge läuft (auch auf PC) am Besten über ein Joypad. Die Dynamik kann mit gängigen Rennspielen durchaus mithalten.

Noch ein paar Worte zur TV-Serie… über die Verknüpfung von Spiel und Fernsehen bei Defiance ist schon viel geschrieben wurde. Wir haben die Serie komplett durchgeguckt und wir haben das Spiel komplett durchgespielt. Das Urteil der Exploratoren: geht so. Wer gerne TV-Serien guckt, wird bei Defiance ganz gut bedient, sollte aber keine Meilensteine (wie Heroes oder Lost) erwarten. Spiel und Serie finden in ein und derselben Welt statt, so dass man sich tatsächlich ein bisschen zu Hause fühlen darf. Das war’s dann aber auch schon. Die Story des Spieles ist wesentlich ‚gamiger‘. Es geht nicht um soziale Probleme in einer Grenzstadt, sondern um Riesen-Monster. Probleme werden durch Granaten und nicht durch Diskussionen gelöst. Man trifft im Spiel so gut wie gar nicht (außer im Vorspann) auf Seriencharaktere und erfährt auch keine signifikanten Hintergrund-Infos.

 

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Punks, Monster, Granaten. In der Haupt-Story von Defiance wird kein Blatt vor den Mund genommen und kein Klischee ausgelassen. Den Grimme-Preis wird es dafür wohl nicht geben.

 

Defiance: Wer soll das spielen?

Unser bisheriger Defiance Test sagt es schon: wenn Sie Borderlands oder Richard Garriot’s Tabula Rasa mochten, sollten sie Defiance auf jeden Fall eine Chance geben. Das Spiel verlangt keine Abo-Gebühren und ist preiswert als Steam-Download zu haben. Vor allem wenn Sie von der augenblicklichen Stagnation bei den MMOs die Nase voll haben, sollten Sie Defiance mal testen. Es gibt ein paar Gameplay-Mechanismen, die man zur Zeit in jedem gurkigen Von-der-Stange-MMO (egal ob F2P oder AAA-Kauftitel) findet: Kampf-Feedback auf dem Boden (nicht im roten Kreis stehen!), Endgame Stats-Grinden und die Tank-Damage-Heiler-Dreifaltigkeit. Wenn dieser Einheitsbrei Sie ankotzt, sind Sie bei Defiance richtig. Oder wenn Sie einfach mal ein Cross-Over zwischen Shooter und MMO ausprobieren wollen. Oder wenn Sie eine schicke apokalyptische Welt erkunden möchten. Oder wenn Sie es satt haben, bei Planetside sofort nach dem Spawnen wieder abgeknallt zu werden.

Defiance: Wer lässt besser die Finger davon?

Leute, die bei einem Spiel gerne an die Hand genommen werden, machen besser einen ganz, ganz weiten Bogen um Defiance. Das Tutorial ist nämlich eine Lachnummer und erklärt bestenfalls 30% der Spielbedienung. Tooltipps oder andere Hilfesysteme gibt es nicht. Oder wir haben sie bisher nicht entdeckt, was ja praktisch auf’s Gleiche raus kommt. Die gesamte Bedienung ist halbherzig auf Konsolen ausgelegt, wobei aber auch das Spielen mit X-Box-Kontroller keinen Vorteil bringt (außer bei den Autorennen). Diese Kritik muss sich Defiance leider gefallen lassen. Besonders das Crafting ist ohne Hilfestellung praktisch undurchschaubar. Wenn man die ganzen Systeme erstmal verstanden hat, läuft Defiance vernünftig. Bis dahin ist es leider ein steiniger Weg. Überhaupt: wenn Sie Wert auf moderne MMO-Funktionen wie übersichtliche Inventorys, Postsystem und ähnlichen Schnick-Schnack legen, vergessen Sie das Spiel! Das Inventory ist nichts weiter als eine bunt gemixte Liste von Waffen-, Mods- und Schild-Items. Oder um noch ein besseres Beispiel anzuführen: In Defiance gibt es noch nicht mal ein Bankfach. Das sagt alles, oder?

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Reichlich Open-World. Ein Sandbox-Spiel ist Defiance zwar nicht, aber es lässt einem ziemlich viele Freiheiten dabei, welche Gegner man wo, wann und vor allem wie über den Haufen ballert.

Und wo sind jetzt die Tipps? Normalerweise listen wir an dieser Stelle unserer Spielenotizen immer die wichtigsten Anfänger Tipps auf, die uns beim Spielen aufgefallen sind. Bei Defiance ist aber vor allem die schrullig-nebulöse Bedienung die größte Herausforderung für Anfänger. Wir werden also in den nächsten Wochen ein paar Artikel mit wichtigen Erklärungen zum Defiance-Frontend posten. Wenn wir das fertig haben, gibt’s auch ein paar Tipps :-)


Ein Kommentar

  1. Pingback: Defiance Anfänger Tipps: Grundlagen zu Klassenwahl, Erfahrung & Stufen.Die Gesellschaft der planaren Exploratoren

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