Neverwinter: Dungeons & Dragons auf Steroiden.

Als Rollenspiel- , MMO- und vor allem als Dungeons & Dragons-Nerds waren die planaren Exploratoren extrem skeptisch, als sie zum ersten Mal von Cryptics irgendwie-nicht-so-ganz-MMO-Projekt hörten. Wir hatten schon viele schlechte D&D Spiele gesehen und waren mit Dungeons & Dragons Online (DDO) eigentlich mehr als zufrieden.


Und: Cryptic hatte sich bisher nicht unbedingt einen Namen mit anspruchsvollen MMOs gemacht. Hatte aber auch noch nie richtig daneben gehauen. Dass das Spiel unter der Regie der Asia-Grinder-Schmiede Perfect World zu einem Free2Play Spiel (übrigens dann doch MMO) umgebaut wurde, stärkte nicht gerade unser Vertrauen. Aber nun ist die open Beta durch, und wir haben unsere ersten sieben Tage F2P Spiel in den Forgotten Realms hinter uns. Zeit die großen Fragen zu klären: kann das Spiel an die legendären Neverwinter Nights Spiele von Bioware anknüpfen? Nervt das F2P Modell durch Game-Stopper, aufdringliche Kosmetik und stupide Gold-Senken? Wie gut und treu ist die Dungeons & Dragons Lizenz umgesetzt wurden? Und wie geht’s Drizzt Do’Urden?

Die Kämpfe: Magic Missiles…ohne Ende.

Ok, die schlechten Nachrichten zuerst: Neverwinter ist zwar eindeutig ein D&D-Spiel, behandelt die Regeln aber sehr, sehr frei. Das verwendete System sind die D&D 4 Regeln, die bei beinharten Fans ohnehin keinen allzu guten Ruf genießen. Statt Zauberspruch-Planung und Ressourcen-Management ist man eher damit beschäftigt, auf Cooldowns &  Timer zu warten und in der Zwischenzeit die sogenannten At-Will- (geht immer) -Angriffe auf den Gegner (= Orks) zu spammen.  Aber Achtung, liebe Fans: das hektische Ballern, Ausweichen und Angriffe-Abtimen ist eines der schnellsten und exaktesten MMO-Kampfsysteme, die man bisher gesehen hat. Wir haben keinen Schimmer, wie lange uns diese Art der gewaltorientierten Konfliktlösung im Bann halten wird, aber bisher müssen wir (mit Deichkind) sagen: Neverwinter-Kämpfe? Leider geil.

Der Verlust, der wesentlich schwerer schmerzt, ist der Abschied von einem komplexen Klassensystem. Multiclassing, freies Charakter-Building und ein komplexes Stat-System sucht man vergeblich. Was wahrscheinlich dem Balancing für das schnelle Kampfsystem geschuldet ist. Jede der Klassen hat eine der fest geschriebenen Rollen der MMO-Trinity (Schaden, Heiler, Tank), die sie auch nicht verlassen kann. Das muss man schlucken, wenn man das Spiel genießen möchte. Ansonsten bietet Neverwinter eine halbwegs glaubhafte Version der Schwertküste. Die Gebäude erinnern uns wehmütig an Baldur’s Gate und natürlich trifft man die obligatorischen Elfen, Zwerge, Halblinge und Halborks, ohne die D&D kein D&D wäre. Ach ja, Tieflinge, die seit den 90ern (Planscape!) fest zum Dungeons & Dragons Canon gehören, sind ebenfalls als spielbare Rasse vorhanden. Sogar für F2P Gäste! Der Charakter-Editor, mit dem die Chars erstellt werden, ist übrigens ein kleines Meisterstück. Die Anpassungen der Körper und Gesichter gehen weit über den üblichen MMO-Standard hinaus. D&D Fans dürfen sogar ein Paar Würfel rollen, wenn es an’s Verteilen der Attribute geht. Und für alle Political-Correctness-Polizisten: ja, die Brustgröße (bei Frauen) kann mit einem Schieberegler frei angepasst werden. GoGoGo.

Auch hässliche und ältere Figuren können erschaffen werden, wenn man auf Justin-Bieber-Elfen im Plattenpanzer keine Lust hat.

Auch hässliche und ältere Figuren können erschaffen werden, wenn man auf Justin-Bieber-Elfen im Plattenpanzer keine Lust hat. Hier der Beweis: ein übel-launiger Zwerg, griesgrämig und angenervt vom Leben.

 

Was kostet die Welt? Das F2P Modell von Neverwinter.

Nun zum Free to Play Modell. Nachdem die planaren Exploratoren vergeblich nach einer alternativen Abo-Option gesucht hatten, bissen wir in den sauren Apfel und spielten erstmal umsonst. Und siehe da: Neverwinter läuft für ein Gratisspiel ziemlich rund. Die Inhalte und Abenteuer lassen sich zumindest auf unserer Spielstufe (20) alle frei betreten. Das Problem von DDO, bei dem Spielgruppen auseinander gerissen werden, weil nicht alle Mitglieder die selben Module gekauft haben, wird vermieden. Auch dämliche Beschneidung des Interface á la SWTOR gibt es nicht. Womit man allerdings leben muss, sind kostenpflichtige Inventar-Erweiterungen, exklusive Rassen (Dunkelelfen, gähn…), Charakter-Slots und Echtgeld-Respecs. Klar, irgendwo holt sich Perfect World die Kohle zurück. Die Preise schwanken: zwei zusätzliche Charakter-Plätze auf einem Account kosten verträgliche fünf Euro. Geizige Spieler richten sich dafür einfach einen neuen Account ein. Teuer sind zusätzliche Taschen- oder Bankplätze. Hierfür kann man schnell mal 10 – 20 Euro ausgeben. Oder man lässt es und baut sich ein paar Mule-Chars. Ach ja, Gilden können nur von Spielern gegründet werden, die irgendwann einmal Echtgeld auf ihr Spiel transferiert haben und so eine Art Premium-Status vorweisen können. Sterben ist wie immer umsonst.

Gold, Astraldiamanten und Zen: der steile Weg zum Reichtum.

An dieser Stelle wollen wir kurz auf die verschiedenen Währungen eingehen, auf die man im Laufe des Spiels zwangläufig triff. Zuerst mal findet man natürlich während des Spiels Gold- und Silbermünzen. Außer Heiltränken, Verbänden und Krimskrams kann man mit dem Hartgeld aber nix sinnvolles kaufen. Als nächstes trifft man auf das Bezahlmittel Astraldiamanten. Diese Dinger sind ein ganz anderes Kaliber. Es gibt so ziemlich nichts, was man in Neverwinter nicht für Astraldiamanten bekommen kann – wenn der Preis stimmt. Viele Transaktionen im Auktionshaus sind an Gebühren und Bezahlung mit den Klunkern gebunden. Die beste Möglichkeit, um die wertvollen Astraldiamanten zu farmen besteht darin, brav sämtliche Daily-Quests (tägliche Questen) zu absolvieren. Davon gibt es maximal vier pro Tag: die tägliche Foundry-Queste, das tägliche Gefecht/Skirmish, den täglichen Dungeon, und das tägliche PvP-Match. Ein paar zusätzliche Quellen sind Aufträge im Leadership/Führungs-Handwerk und durch tägliche Gebete. Das war’s. Die Möglichkeiten sich reich-zu-grinden sind also ziemlich begrenzt. Natürlich besteht noch die klassische Option: interessante Items in Dungeon-Runs sammeln und im Auktionshaus gegen Astraldiamanten verkaufen. Zuletzt sollte man noch über Zen Bescheid wissen. Dabei handelt es sich um die Spiel-übergreifende Cash-Shop-Währung des Publishers Perfect World. Wichtig ist dabei: Zen werden nach dem Aufladen mit Echtgeld einem bestimmten Spiel zugewiesen. Wenn man also noch irgendwo Zen auf einem Star Trek Online Account hat, nützen die einem in Neverwinter herzlich wenig. Schade. Der Kurs liegt, wie in der F2P-Szene so üblich, bei ungefähr 100 Zen = 1 Euro. Und: Zen und Astraldiamanten sind über eine Art Spiel-interner Börse zwischen Gamern handelbar. Damit fängt Perfect World die Goldfarmer-Problematik ab, denn prinzipiell ist jeder Neverwinter-Spieler ein Goldfarmer.

MMO-Inhalte im Eigenbau: die Foundry.

Nun aber mal zu den wirklich erfreulichen Dingen! Viele Neverwinter Night Fans dürfen aufatmen: die Foundry, das Tool, mit dem Spieler (ab Stufe 15) selber Abenteuer erstellen können, ist wirklich großartig  In wenigen Minuten kann man sich eigene Räume erstellen und mit einem Test-Char (der Spielleiter!) durch die eigenen Kreationen spazieren. Natürlich dauert die Erstellung eines kompletten Abenteuers erheblich länger. Trotzdem erscheint uns die Foundry als das fortschrittlichste Tool dieser Art, das wir bisher gesehen haben. Das merkt man übrigens auch an der Abenteuern, die bereits im Spiel integriert sind. Schon jetzt sind viele dieser Mini-Dungeons richtig gut. Die Nachteile (wie fehlende Sprachausgabe oder Cutscenes) machen die Spielleiter-Kreationen durch nette Stories, Lore und Atmosphäre schnell wieder wett. Und die Community ist extrem fleißig: bereits jetzt liegen reichlich Abenteuer vor. Sogar deutsche Szenarien wurden bereits veröffentlicht. Eine halbwegs komfortable Suche mit Bewertungs- und Kommentarfunktion sorgt dafür, dass man sicher die Spreu vom Weizen trennen kann. Der einzige Kritikpunkt, den die Exploratoren ausfindig machen konnten, ist das Autoscaling: die Abenteuer werden nämlich nicht für eine bestimmte Spieler-Stufe geschrieben, sondern passen sich automatisch der Stärke der spielenden Gruppe an. Das führt dazu, dass eine Drei-Mann Truppe im fünften Level mühelos einen Feuerriesen-König in Stücke hackt. Gary Gygax würde im Grab rotieren, wenn er das sehen würde. Hier sollte Cryptic schleunigst nachbessern, denn sogar die Tabletop-Regeln von Dungeons & Dragons haben seit der 3. Auflage ein eingebautes Balancing durch Encounter- und Challenge-Ratings, dass erheblich besser funktioniert. Das Dilemma betrifft allerdings nur die Foundry-Abenteuer. Der Profi-Content von Neverwinter hat eine vollkommen korrekte Schwierigkeitsstufe.

Eine extraplanare Kneipe voller Hunde & Wölfe. Manchmal geht die Kreativität eben mit dem Spielleiter durch ;-)

Eine extraplanare Kneipe voller Hunde & Wölfe. Manchmal geht die Kreativität eben mit dem Spielleiter durch ;-)

Und der Rest?

Was gibt es neben den Selfmade-Abenteuern sonst noch zu tun? Das Spiel enthält natürlich jede Menge Questen, die einen durch die optisch nett gestalteten Gebiete der Schwertküste führen. Wenn man keine Mitspieler hat, funktioniert das gerne auch solo. Wer es härter und schneller möchte, klinkt sich über den Group-Finder in einen Fünf-Mann-Dungeon-Besuch ein. Hier findet man Herausforderungen und natürlich auch entsprechend wertvolleren Loot.  Für das kurze Gemetzel zwischendurch sind die sogenannten Skirmishes (deutsch: Gefechte) konzipiert. Hier bekämpft man in einer Random-Gruppe Welle um Welle von gegnerischen Angreifern, bis ein bestimmtes Ziel erreicht ist. Und natürlich gibt es auch ein kleines PvP System, das sich bisher allerdings auf gerade mal zwei Point-Control Karten beschränkt, die aber durch die schnellen Kämpfe eine Menge Spaß machen. Wir freuen uns auf Nachschub! Was man auf jeden Fall noch erwähnen muss, ist die große Spieltiefe, die Cryptic in Neverwinter eingebaut hat. Es gibt Crafting, ein passables Item-System, Skilltrees und sogar ausrüstbare und trainierbare Begleiter. Was man umsonst sucht, sind Cutszenes & Stories mit Tiefgang. Neverwinter ist eben ein Action-MMO, Basta. Wenn Sie was anderes wollen, spielen Sie TSW, SWTOR oder lesen Sie halt doch mal ein Salvatore-Buch. Und grüssen Sie Drizzt von uns.

Neverwinter schmeißt Sie regelrecht zu mit Inhalten. Bereits direkt nach dem Start, macht das Spiel Vorschläge, was man alles so erledigen könnte.

Bloß keine Langeweile: Neverwinter ballert Sie zu mit Inhalten. Bereits direkt nach dem Start macht das Spiel Vorschläge, was man heute alles so erledigen könnte.

 

5 Kommentare

  1. Pingback: Reaktorblocks Spielenotizen zu Defiance: Das Erbe von Tabula Rasa. Oder von Borderlands.Die Gesellschaft der planaren Exploratoren

    • Wir haben die Foundry noch gar nicht richtig ausprobiert, weil wir immer noch ziemlich mit dem Spiel beschäftigt sind. Aber wenn man man rein schaut, sieht das Tool schon toll aus und ist eigentlich ziemlich logisch aufgebaut. Man fühlt sich (ein kleines bisschen) wie ein PnP Dungeon Master ;-) Für ein F2P MMO ist das jedenfalls absolute Spitze. Unbedingt mal anspielen: das Foundry Abenteuer ‚A Clash Of Wills‘. Sehr cool gemacht. Handwerklich als auch Dungeons & Dragons-Storymässig.

  2. Pingback: Die Verlieswelt » Neverwinter: das neue Dungeons & Dragons MMO.

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