Reaktorblocks Spielenotizen zu Kingdoms Of Amalur: Braveheart im Märchenland.

Mit Geheimtipps ist das so eine Sache. Als Spieler-Nerd freut man sich eine Klinke ans Knie, wenn man ein Game findet, das nicht jeder kennt, über das noch nicht jede Website geschrieben hat und das noch nicht durch Walkthroughs und Cheats komplett entmystifiziert wurde.


Für die Entwickler sieht die Sache anders aus. Geheimtipp ist meistens gleichbedeutend mit Flop. Und das heißt in der knallharten Gamesbranche: Entlassung, Studio schließen, Resteverwertung von Marken & Ideen und ab mit dem Spiel auf die Softwarepyramide im Supermarkt. Dort finden Sie zur Zeit auch das Action-RPG ‚Kingdoms of Amalur‘. Ein lupenreiner Geheimtipp. Entwickelt von einem Developer-Dream-Team mit viel Aufwand und Liebe (!). Und ein finanzielles Total-Fiasko für alle Beteiligten. Dabei klang der Plan gar nicht schlecht: zuerst ein frisches, neues Single-RPG entwickeln, dass die Vorgeschichte erzählt und die Spieler heiß macht, danach ein MMO hinterher schieben, dass die Fans langfristig bindet.

Kingdoms_of_amalur_design_von_todd_mcfarlane
Comic-Legende Todd Mcfarlane (Spawn!) war für den Look von Kondoms of Amalur verantwortlich. Das Design der Monster ist dementsprechend ein echter Hingucker. Hier sieht man übrigens den Boss-Kampf in der Elfenstadt Mel Senshir.

Aber ach, das Glück lässt sich nicht zwingen. Neben einer gehörigen Portion Missmanagement versalzte der furiose Launch von Skyrim den Start von Amalur komplett. Ein paar gnädige Websites und Magazine ließen sich dazu herab, ganz nette Rezensionen zu schreiben, ansonsten blieb das Spiel völlig unter dem Radar. Kein Wunder also, dass ‚Project Copernikus‘, dass geplante Amalur MMO, auch niemals das Licht der Welt erblickte. Jammerschade (finden die Exploratoren), denn in dieser Spielwelt stecken eine Menge richtig guter Ideen, von denen wir gerne mehr gesehen hätten.

Sieht aus wie WOW…

Kingdoms of Amalur setzt auf einen comicartigen Grafikstil. Leider sieht das Spiel dadurch (ein bisschen) wie World of Warcraft aus, wobei der aktuelle Trend ja eher zur fotorealistischen Grafik geht, wie man sie (eben) in Skyrim sieht. Man findet sogar Foren, in denen von einem ‚offline WOW‘ die Rede ist, was Amalur nun wirklich nicht verdient hat. Den Exploratoren hat die Optik jedenfalls gut gefallen. Und: durch die übersichtliche Anzahl an Polygonen bleibt viel Raum für fließende Animationen und hohe Geschwindigkeit – wovon das actionlastige Kampfsystem profitiert. Die Prügeleien sind ein absolutes Highlight! Kindoms of Amalur wird durch die kinetischen, bunten und blutigen Schlachten zu einem Action-RPG gegen das Diablo und Torchlight aussehen wie Fingerübungen für Vorschulkinder. Die Auswahl von Skills und Ausrüstung ist zwar wie in jedem Rollenspiel wichtig – der Fokus des Spiels liegt aber eindeutig auf Geschicklichkeit. Doch keine Panik: die notwendigen Grundlagen (Ausweichen, Blocken, Flächenangriff) hat man Ruck-Zuck verinnerlicht.

Kampf_mit einem_prismere_troll_in_kindoms_of_amalur
Magier gegen Prismere Troll. Am besten vergleichen kann man die Kämpfe mit Assassins Creed. Wobei die Gegner in Amalur nicht ganz so verblödet darauf warten, vom Helden erdolcht zu werden wie in Ubisofts Meuchel-Epos. Der Schwierigkeitsgrad ist angenehm anspruchsvoll.

Sobald man die ersten Konflikte überstanden hat, eröffnet Amalur einen wunderbaren Baukasten an Skills, Moves und Items, mit denen man nach Herzenslust experimentieren kann, um den nächsten Kampf noch eleganter, schneller und spektakulärer zu absolvieren. Das sehr freie Klassensystem mit Multiclassing und Respec-Option animiert zusätzlich noch zum Rumprobieren und Austesten. Und damit sollte klar sein: Kingdoms of Amalur hat mit der Blizzard-Item-Tretmühle (bis auf den Grafik-Stil) rein gar nichts gemeinsam. So, das musste mal gesagt werden.

Viel_Feenstaub_in_ der_kingdoms_grafik
Bitte eine extra Portion Feenstaub! Aber Vorsicht, trotz aller Schnuckel-Grafik stecken in Kingdoms of Amalur eine düstere Story und jede Menge blutige Kämpfe.

Eine weitere Besonderheit ist die Spielwelt und die Geschichte aus der Feder von R. A. Salvatore (Drizzt!). Es geht um einen Krieg zwischen den sterblichen Rassen (Menschen, Elfen, Gnome) und den unsterblichen Feen, dessen Ausgang durch das Schicksals längst vorbestimmt wurde. Zusammen mit den blutig-brutalen Kämpfen erzeugt dieser düstere Konflikt einen interessanten Gegensatz zur märchenhaften Grafik mit all ihrem Glitzer. Ein Vernichtungskrieg im Feenwald. Die Exploratoren finden: die frischste Story seit Mass Effect.

Wer soll das spielen?

Sofort zugreifen dürfen Leute, denen das Kampfsystem von Skyrim zu schwammig und unexakt war. Wenn Sie sich darüber geärgert haben, dass der Kopf ihrer Spielfigur ständig im Blättergewirr steckte, während ein Berglöwe ihren Fuß aufisst, testen Sie mal Amalur. Das Spiel bietet eine riesige Welt mit viel Freiheiten, lässt den Spieler aber nie orientierungslos zurück. Wenn Ihnen Diablo 3 zu stupide war und MMOs nicht genug Action bieten, ist dieses Spiel einen Versuch wert. Es gibt kein RPG oder MMO, das spannendere Kämpfe bietet. Punkt. Im Grunde können sogar Fans von Action-Spielen einen Blick riskieren. Hier sollte man allerdings beachten, dass der Umfang von Amalur wesentlich dicker ist als Assassins Creed oder Darksiders. Rechnen Sie mit mindestens 50 Stunden Spielzeit, eher mehr. Auch Exploratoren, die eine fremde, exotische Welt erkunden möchten, werden zufrieden gestellt. Die Königreiche von Amalur sind riesig, bunt und interessant gestaltet.

Banshee_Wurm_Viech

10.00 Uhr früh im Feenwald von Klurikon: ein widerlicher Banshee-Wurm will uns zum Frühstück verspeisen. Solch schrille Biester findet man selten in modernen Games. Man beachte die verspielten (!) Kringel-Muster auf der Schulter.

Wer lässt besser die Finger davon?

Statistik-Freaks, Kräutersammler und Simulations-Fetischisten, die auf der Suche nach tiefgehendem Crafting oder ultra-komplexen Skill-Trees sind, finden in Amalur gute Standard-Kost. Mehr aber auch nicht. Der Schwerpunkt des Spieles liegt – soviel sollten Sie verstanden haben, wenn Sie bis hier gelesen haben – auf den Kämpfen. Von denen gibt es übrigens eine Menge. Die Gebiete sind prall gefüllt mit böswilligen Gegnergruppen. Wenn Sie eine Landschaft abgegrast haben, herrscht eine Weile Ruhe… sobald jedoch eine bisschen Spielzeit vergangen ist, respawnen die Fieslinge und machen Ihnen das Leben wieder schwer. Auch wichtig: die Main-Quest beherrscht das Spiel von vorne bis hinten. Die Geschichte vom Feen-Krieg kann zwar jederzeit pausiert werden, um eine der zahlreichen Nebenaufgaben zu verfolgen, aber abweichende Karrieren vom Helden-Leben (z.B. Schmied, Alchimist, KZF-Mechatroniker) sind nicht vorgesehen. Außerdem sollten zarte Seelen mit niedriger Toleranz gegen Blut und Gewalt das Spiel meiden. Das gilt natürlich auch für Kinder! Kingdoms of Amalur hat seine FSK 18 voll verdient. Und das ist gut so.

Tipps und Tricks zu Kingdoms of Amalur

90 Stunden Spielzeit. Nicht übel, oder?  Und eine gute Grundlage für ein bisschen Besserwisserei. Wir haben das Spiel übrigens auf einer PS3 Konsole gespielt. Die meisten Tipps dürften aber auch für XBOX und PC Gültigkeit haben.

  1. Wenn Sie an einem PC spielen, empfehlen wir ein XBOX-Gamepad. Die Maussteuerung von Kingdoms of Amalur geht angeblich in Ordnung, aber die Action-Kämpfe sind nun mal ziemlich ‚konsolig‘.
  2. Welche Klassen sind die besten? Jede der drei Basis-Charakterklassen (Krieger, Dieb, Magier) hat einen eigenen Spielstil und eine eigene Klassenqueste. Probieren Sie zu Beginn etwas herum und wählen Sie nach persönlichem Geschmack aus. Wie in den meisten Games kostet das Spiel mit einem schleich-meuchel-zack-du-bist-tot-Char etwas mehr Zeit, als mit einem Massen-Vernichtungs-Magier.
  3. Wichtig für Kombo-Fans: die Klassen können jederzeit frei kombiniert werden. Unserer Meinung nach sind Zweier-Kombinationen wie z.B. Krieger/Magier prima spielbar. Man kann jede Menge Synergien in den entsprechenden Skill-Trees finden und so den eigenen Spielstil verfeinern. Was man aber auf jeden Fall vermeiden sollte, ist eine Kombination aus allen drei Basis-Klassen.
  4. Beschränken Sie ihre aktiven Skills! Wie bereits erwähnt: die Kämpfe sind schnell und hart. Wenn ein fetter Jottun Häuptling auf Sie einprügelt, werden Sie nicht viel Zeit dafür haben, um auf Tastatur oder Pad nach bestimmten Funktionen zu suchen. Die Steuerung unterstützt vier aktive Fähigkeiten im Kampf. Und genau diese Zahl sollten Sie im Kopf behalten, wenn Sie Punkte in den Fertigkeitsbäumen verteilen.
  5. Verstellen Sie den Schwierigkeitsgrad! Fangen Sie auf leicht an, um zu lernen, wie man ausweicht und blockt. Sobald Sie das drauf haben, stellen Sie wieder zurück auf normal. Oder auf schwer, wenn Sie ein bisschen maso sind.
  6. Der Trend geht zur Zweitwaffe. Das Spiel erlaubt es, zwei Angriffsarten auszurüsten, die alternativ genutzt werden können. Es sollte klar sein, dass man hier jeweils einen Nahkampf- und einen Fernkampfangriff einsetzt.
  7. Skillen Sie mindestens einen Flächenangriff, den Sie im Laufe des Spiels ausmaxen! Es ist vollkommen schnuppe, ob es sich dabei um Fallen, Zauber oder eine Kriegerfähigkeit handelt. Der Grund: Amalur konfrontiert Sie fast immer mit mehrköpfigen Gegnertrupps. Bleiben Sie im Kampf deshalb in Bewegung und versuchen Sie, die Gegner auf einem Haufen zu versammeln. Wenn alle Fieslinge dann dicht zusammen stehen: Boom, drauf holzen!
  8. Ansonsten müssen Sie nur noch eine Möglichkeit finden, um Lebenspunkte und Mana zu reggen. Das geht ganz gut über Items mit entsprechenden Heal over Time- oder Mana over Time-Eigenschaften. Aktive Skills muss man dafür nicht verschwenden.
  9. Machen Sie die Fraktionsquesten! Die gehören zu den interessantesten Geschichten im Spiel.

Anmerkung: normalerweise machen die planaren Exploratoren ihre Screenshots selber. Da wir das Spiel aber nach Gebrauch weiter verkaufen konnten, hatten wir dieses Mal dafür keine Möglichkeit mehr und mussten auf offizielle Bilder von EA zurück greifen. Die Screener wurden unserer Meinung nach etwas aufgehübscht, spiegeln aber im Grossen und Ganzen die Optik des Spiels recht gut wieder.


Wenn Sie jetzt Lust haben, hier die Kauflinks zu Amazon. Wie gesagt, das Spiel bekommen Sie praktisch hinterher geworfen.


3 Kommentare

  1. Pingback: Neverwinter: die Drizzt-Romane zum Spiel. | Die Gesellschaft der planaren ExploratorenDie Gesellschaft der planaren Exploratoren

    • Danke für den Kommentar und viel Spass mit Kingdoms, Chico! Salvatore hat ja irgendwie ein Händchen für seltsame Elfen-Stories ;-) Man merkt Kingdoms die Liebe zum Detail auf jeden Fall an. Und teuer ist es ja nun auch nicht mehr…

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