Mass Effect 2: Story (Teil 4 der Exploratoren-Kritik)

Das dritte Teilspiel sind die Dialoge. Und in diesen Dialogen liegen 95% des Spielspasses versteckt. Neben den wirklich spannenden und gut geschriebenen Dialogoptionen (natürlich zu 100% vertont) sorgen vor allem die Gesichts- und Körperanimationen dafür, dass ME2 eines der ersten Spiele ist, dass Hollywoodfilmen den Rang abläuft. Und das obwohl nahezu alles mit Hilfe der Game-Engine erzählt wird. Render-Filme kommen eigentlich nur bei Raumschlachten zum Einsatz. OK, einige unwichtige Rand-NPCs sehen aus wie Fliessband-Gesichter. Aber die Mimik und Körpersprache von Shepard und seiner Besatzung ist einfach grossartig.


Ein kleines Detail hat uns besonders gefallen: im Laufe der Handlung wird das Gesicht unserer Protagonisten durch die zahlreichen Waffengänge immer zernarbter. Man hat die Option, sich durch plastische Kosmetik wieder aufhübschen zu lassen, wovon wir aber schön die Finger gelassen haben. Am Ende sah unser Shepard aus wie eine satanische Version eines T800 Terminators. Und das passte wunderbar zu dem rücksichtslosen Verhalten, mit dem wir unsere Figur durch die Handlung gepeitscht hatten. Danke Bioware.

Was auch noch erwähnt werden muss, ist die eigentlich Story. Die ist, wie im ersten Teil, recht ernst und vielschichtig. Immer noch geht es um die offenen und geheimen Konflikte der verschiedenen raumfahrenden Rassen miteinander. Allerdings tritt der Krieg der (halbwegs) guten organischen Rassen mit den (irgendwie) bösen Maschinenwesen in den Hintergrund. Wichtiger sind in ME2 die einzelnen Geschichten von Shepards Team-Kollegen. Jeder der Mitkämpfer muss in einer Extra-Mission angeheuert werden. Dazu kommt im späteren Verlauf eine weitere Mission pro Mitglied, in der die persönlichen Probleme des jeweiligen Kollegen beseitigt (manchmal auch therapiert) werden. Mit Hilfe dieser Team-Missionen entwirft Mass Effect eine Art Psychogramm der verschiedenen Charaktere. Das geht über simple Gut/Böse-Konflikte weit hinaus. Immer wieder spielen ethische Themen eine Rolle, die sich bereits heutzutage als die Probleme der Zukunft andeuten: Gentechnik, Cloning, technische Allmacht und immer wieder der Umgang mit Maschinen und künstlicher Intelligenz. Das ist interessanter und relevanter als die abgenudelte heldenhafte Queste-Reise von A über B nach C, bei der an jeder Station geballert wird, bis man schliesslich die Galaxis gerettet hat. Die grosse Heldenstory gibt es zwar auch bei Mass Effect, sie fällt aber erfrischend kurz aus. Auch dafür: danke Bioware.

 

Unser Urteil: am Ende ist es interessanter, Shepards Verhalten, die Probleme der Mitstreiter und die eigene Spieler-Psyche zu erforschen, als sich durch die Galaxis zu klicken. In diesem Sinne ist Mass Effect 2 dann doch ein Explorator-Spiel. (Hurra!) Was man heraus finden kann: wie fies kann der Held noch werden? Oder noch interessanter: wann werde ich weich und klicke im Dialograd auf die Wohlfühl-Antwort, weil ich meinem eigenen moralischen Druck nachgeben möchte? Das macht dieses Spiel zu einem wirklich grossen Spiel. Trotz der Macken.

 

Teil 1 der Kritik (Überblick)

Teil 2 der Kritik (Exploration)

Teil 3 der Kritik (Action)

Teil 4 der Kritik (Story)

Teil 5 der Kritik (das Urteil)