MMOs sind kaputt. Teil 3: …aber nicht kaputt genug!

Noch einmal Gamedesign-Philosophie (inspiriert von Tom Chick). Thema heute: MMOs sind statisch wie ein Brückenpfeiler. Naja, eigentlich nicht ganz richtig. Es gibt durchaus Veränderungen in Online Rollenspielen. Die Charaktere werden mächtiger, neue Gebiete werden angefügt, Ausrüstung kommt hinzu. Alles wird grösser und schöner. Eine feine Sache, oder? Es gibt keine Krankheiten, keine Naturkatastrophen und die Kriege, die an jeder Ecke laufen (WAR IS EVERYWHERE, whuaargh!) haben keinen Gewinner und keinen Verlierer. Die Toten auf den Schlachtfeldern respawnen einfach auf dem nächsten Friedhof. Eines der entscheidenden Merkmale unseres Universums fehlt in den künstlichen Welten: der Verfall. Nicht einmal ein bischen Umweltverschmutzung ist machbar, da man in den wenigsten MMOs etwas auf den Boden legen darf. (Das war übrigens nicht immer so. In Ultima Online konnte man noch schöne Muster oder Spontisprüche mit frischen Brötchen auf dem Fussboden auslegen…)

Der Kritikpunkt liegt auf der Hand. Statische MMOs sind unrealistisch und deshalb unglaubhaft. In Warhammer Online kann man zwar eine Stadt niederbrennen, aber nur um sie ein paar Tage danach wieder auferstehen zu sehen. Das Handeln der Spieler hat keine dauerhaften Konsequenzen. In jedem schlechten Ego-Shooter kann ich inzwischen ganze Strassenzüge einäschern, die danach auch eingeäschert bleiben. Und dabei ist Zerstörung ein zentrales Thema aller MMOs. Warum bleiben die Dinge, die ich mit viel Mühe und Liebe kaputt gemacht habe, nicht bitteschön kaputt? Was hätte Luke Skywalker gesagt, wenn eine Woche nach der Schlacht von Yavin der Todestern einfach wieder respawnt wäre?

Der klassische Lösungsansatz für dieses MMO-Problem ist das Event. Ein einmaliges, gesteuertes Ereignis mit mehr oder weniger starker Beteiligung der Spieler, das eine bleibende Veränderung in der Spielwelt hinterlässt. Hört sich interessant an. Leider haben Events einen Nachteil. Der Wunsch der Spieler nach grossartigen Ereignissen ist so gross, das die Beteiligung an diesen Veranstaltungen einen MMO Server komplett lahm legen kann. Eines der grössten Events in der Geschichte der MMOs (zumindestens wenn man die Spielermengen betrachtet), war die Öffnung der Ahn Quirage Instanzen in WOW, die mit dem Patch 1.9.0 eingeführt wurden. Dem Event ging eine gemeinsame Sammelqueste voraus, an der sich die gesamte Serverbevölkerung beteiligen konnte. Es enstand ein Wettrennen zwischen den einzelnen Servern, um den durch die Queste ausgelösten Start des Events. Das Interesse der Spieler war immens. Und natürlich brachen die WOW Server unter der Last der versammelten Spieler gnadenlos zusammen. Ahn Quirage war so eine Art Waterloo für grosse Events in WOW. Wir merken uns: je kleiner der Server, je besser laufen die Events.

Inzwischen scheinen die MMO Hersteller die Probleme im Griff zu haben. Insbesondere in WOW werden Events häufiger veranstaltet. Hauptsächlich natürlich um neue, kostenpflichtige Add-Ons anzukündigen. Aber immer noch traut sich niemand bei Blizzard mal richtig etwas kaputt zu machen. Warum brennt nicht mal ein mutiger Ork das vollkommen überflüssige Stormwind nieder? Aber das bleibt wohl Wunschdenken, denn Azeroth bleibt Azeroth. Andere MMOs gehen hier mutiger vor. In Turbines DDO liessen die Entwickler kurzerhand eine Horde Teufel in die einzige Hauptstadt des Spieles einfallen. Die fröhlichlichen Satansbraten runierten die gesamte Marktplatz-Zone, die der zentrale Treffpunkt des Spieles ist. Das Event ist inzwischen lange vorbei, aber die Spuren des Ereignisses – die Ruinen der Markthalle – kann noch heute jeder Spieler sehen. Und natürlich die Event-Videos auf Youtube. So wird Geschichte geschrieben.

Zumindestens in den Instanzen könnten die Gamedesigner etwas mehr Veränderung zulassen. Dem steht natürlich die Wiederholbarkeit der Instanz entgegen. Wäre ja schade, wenn man das schicke Abenteuer nur so lange spielen könnte, bis es gelöst ist…. Blödsinn! Selbst im „fertigen“ Zustand (alle Questen gelöst), könnte die Instanz noch wiederholbare Nebenaufgaben bieten. Eine andere Idee ist es, den Spieler beim Betreten wählen zu lassen, welche Version des Abenteuers er betreten möchte. Natürlich muss die „fertige“ Version vor dem Betreten einmal frei gespielt werden. Genau so macht es übrigens wieder DDO.

Ein kleiner Gruss der Entwickler an die DDO Community...

Ein kleiner Gruss der Entwickler an die DDO Community…

boom...

boom…

...und der Marktplatz wird zur Baugrube.

…und der Marktplatz wird zur Baugrube.

Doch auch die Kröten bei Blizzard trauen sich hin und wieder etwas Innovation (echt wahr !). Mit ‚Wrath of the Lich King‘ wurde in Azeroth das Phasing eingeführt. Das bedeutet, dass die Erfüllung bestimmter Questen, die Welt dauerhaft verändert. Allerdings nur aus der Sicht des jeweiligen Spielers.  Besonders bekannt ist dieser Trick aus der Instanz ‚Acherus: The Ebon Hold‘. Je nach Fortschritt in der dazu gehörenden Questreihe, sieht die Instanz für die betroffenen Spieler unterschiedlich aus. Keine schlechte Idee. Puristen dürften sich daran stören, dass nun jeder Spieler ein eigenes Bild der Welt bekommt. Aber ohne Experimente kein Fortschritt.

Wann werden wir Spieler endlich das Gefühl zu haben, wirklich etwas verändern zu können? Denn das ist es doch, wonach wir uns sehnen, wenn wir unserer langweilige Welt für ein paar Stunden verlassen. Wirklich wichtig sein. Wann geben uns die Turbines und Blizzards endlich regelmässige Events mit mehreren möglichen Lösungen? Werden wir Server haben, deren zeitliche Entwicklung eher einem Baum gleicht, als einer geraden Linie? Werden sich die Server nicht nur durch ihre Bewohner, sondern auch durch den Zustand ihrer Städte und Instanzen unterscheiden? Wird es dann Portale geben, durch die man von einer Server-Realität in die andere überwechseln kann?

Das ganze klingt wie ein MMO-Märchen (MMOM). Aber ganz unrealistisch ist die Sache nicht, denn ein entsprechendes System würde die Wiederspielbarkeit eines MMOs immens erhöhen. Und dadurch die ABO-Zyklen sehr positiv beeinflussen. Also: wenn die Geier bei Blizzard erstmal merken, dass man für einen Server-Realitäts-Wechsel 4,99 $ verlangen kann, könnte die Sache durchaus in Gang kommen.

Untod im eigentlichen Sinn: Zombies brennen gut, aber egal wie oft ich den Bubi abfackele - morgen ist er wieder da. *Seufz*

Untod im eigentlichen Sinn: Zombies brennen gut, aber egal wie oft ich den Bubi abfackele – morgen ist er wieder da. *Seufz*

3 Kommentare

    • Ja richtig. Genützt hat es dem Spiel ja leider nichts. Bemerkenswert finde ich, dass es auch hier um die Zerstörung eines Spieler-Treffpunktes ging. Scheint ein beliebtes Thema bei den Entwicklern zu sein. Wahrscheinlich wollen sie sicher stellen, dass auch jeder mit bekommt, das etwas passiert ist.

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